KORUs Blog - Lernpyramide

Die sagenumwobene Lernpyramide

Vor ein paar Tagen stieß ich in einer Präsentation auf die sogenannte Lernpyramide oder in Englisch Learning Pyramid oder Cone of Learning. Diese sehr anschauliche Grafik kennen wahrscheinlich die meisten von Ihnen und sie taucht in Präsentationen und einschlägiger Literatur auf, sogar in Uni-Vorlesungen hat sie Einzug gehalten. Nun liegt die Relevanz für Trainings auf der Hand: Möchte ich qualitativ hochwertige und nachhaltige Trainings durchführen, sollte ich mich an der Lernpyramide orientieren. Oder?


Ich machte mich auf die Suche. Zu dem Schlagwort „Learning Pyramid“ gibt mir Google knapp 31.000.000 (in Worten: 31 Millionen!) Treffer zurück. Verwunderlich ist, dass die ersten Suchtreffer sich keineswegs mit dem historischen Ursprung und den entsprechenden Grundlagendaten aus der Studie beschäftigen, sondern Titel tragen wie Why the Learning Pyramid is wrong und Tales of the Undead. Das hat mich schon etwas verdutzt und mich weiter recherchieren lassen.

Wie es bei 31 Millionen Suchergebnissen zu erwarten/befürchten ist, gibt es zu Hauf Informationen zu dem Sinn und Unsinn der Pyramide. Dem Interessierten steht demnach ein mehrstündiger Lesespaß zur Verfügung.

 

 

In der Kürze liegt die Würze

Wer es lieber etwas knapper mag, der findet hier eine kurzweilige Zusammenfassung des Mysteriums: Obwohl die Lernpyramide wissenschaftlich anmutet, entbehrt sie jedoch jeglichen empirischen Hintergrund. Alles fing vermutlich 1937 mit dem Werk „Visualizing the Curriculum“ von Hoban/Hoban, Jr./Zisman an, die verschiedene Ebenen der Abstraktion verdeutlichten.

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Quelle: Charles F. HOBAN, Charles F. HOBAN Jr., Samuel B. ZISMAN „Visualizing the Curriculum“, S. 23

Vielleicht auf Basis dessen entwickelte Edgar Dale 1946 den Cone of Experience, ein theoretisches Modell, das jedoch nicht speziell das Lernverhalten oder die Gedächtnisleistung abbildet. Vielleicht liegt es an der eingängigen Pyramidenform, dass sich das Modell anschließend verselbstständigt hat.

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Quelle: Edgar DALE „Audio-Visual Methods in Teaching“

In den Folgejahren wurde es immer wieder aufgegriffen, fehlinterpretiert und abgewandelt. Irgendwann wurden die Bezeichnungen der Stufen umgetauft und es tauchten plötzlich Prozentangaben auf, so dass die sagenumwobene Lernpyramide geboren war. Obwohl die Pyramide oft mit Quellen versehen ist, lassen sich keine entsprechenden Ergebnisse finden, die diese Werte belegen. Aber seien wir mal ehrlich: Auch wenn Statistik nicht unser Lieblingsfach war, die stringente Aufteilung der Werte macht doch einen etwas unwissenschaftlichen Eindruck.

Das Resultat, was uns so oft begegnet, sieht so aus:

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Fazit

Nur wenn etwas oft zitiert wird und scheinbar wissenschaftlich aussieht, so muss es doch nicht wahr sein. Bei pauschalen Aussagen sollten wir lieber aufhorchen und etwas genauer hinsehen. Bei der Lernpyramide zum Beispiel: Sobald wir Gelerntes anwenden, behalten wir uns immer 90% des Inhalts – unabhängig davon, was der Inhalt ist? Das wäre ja toll… Und wir behalten, je nach Aktivitätsniveau, immer die gleiche Menge an Informationen – egal wie alt wir sind? Das wäre fantastisch! Sie sehen, die sagenumwobene Lernpyramide ist zwar anschaulich und macht sich gut in Vorträgen und Präsentationen, sie ist und bleibt aber vor allem eins: Eine Sage.

Aber nicht jede Sage ist schlecht, wir sollten uns eben nur bewusst sein, dass sie nicht die Realität widerspiegelt. Eins muss man der Pyramide aber lassen, sie ist ja nicht von ungefähr entstanden. Die einen haben ein gutes auditives Gedächtnis, die anderen ein besseres visuelles Gedächtnis, das ist unumstritten. Aber was jeder von uns schon selbst erfahren hat ist doch, dass wir Dinge besser begreifen, wenn wir uns darüber unterhalten oder sie am besten gleich selbst tun. Das nennt man dann wohl Selbstexperiment.